Wenn die Sonne stillsteht – eine sardische Sommerlegende. Es gibt diese Tage auf Sardinien, an denen selbst der Wind innehält. Die Zikaden verstummen, der Himmel flirrt in flüssigem Gold, und die Menschen ziehen sich in den Schatten ihrer Häuser zurück. Dann, so sagt man, streift sie durch die Gassen: Sa Mama ’e su Sole – La Mamma del Sole – die Mutter der Sonne.
Diese Legende ist mehr als ein altes Märchen. Sie ist ein Stück sardischer Seele, ein poetischer Warnruf vor der erbarmungslosen Mittagshitze – und zugleich ein Fenster in eine Zeit, in der jede Naturkraft noch ein Gesicht hatte.
Ich lade dich ein, diese Geschichte zu entdecken. Eine Geschichte von Schatten und Licht, von flüsternden Stimmen der Alten – und von einem kleinen Kind, das der Sonne zu nah kam.
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Es war einmal …
In einem kleinen sardischen Dorf, dessen Häuser sich dicht aneinanderdrängten wie Schafe im Schatten, erzählte man sich von einer geheimnisvollen Frau, die nur dann erschien, wenn die Sonne am höchsten stand: Sa Mama ’e su Sole – La Mamma del Sole – die Mutter der Sonne.

Gekleidet in einen langen, schwarzen Schleier, zog sie durch die staubigen Gassen, während die Welt flimmerte vor Hitze. Kein Wind, kein Laut – nur die Fliegen summten träge, und jeder wusste: Jetzt ist die Stunde der Gefahr.
„Bleib im Schatten“, flüsterten die Mütter. „Spiel nicht draußen zur Mittagszeit, sonst kommt Sa Mama ’e su Sole. Sie legt dir ihre heiße Hand auf die Stirn – und du wirst brennen vor Fieber.“
Das Kind, das nicht hören wollte
Einmal, so sagt man, hörte ein kleiner Junge nicht auf seine Mutter. Neugierig lief er hinaus, angelockt vom goldenen Glanz. Er sah sie: schwarz wie die Nacht, still, und doch so mächtig.
Sie streckte langsam die Hand aus …

Als ihre Finger seine Stirn berührten, wurde ihm heiß – heiß wie das Feuer. Noch bevor er schreien konnte, sackte er zusammen. Drei Tage lang wachte man bei ihm. Er fieberte, murmelte Worte, die kein Mensch verstand.
Erst als eine alte Frau Kamillenwasser und kühle Tücher brachte, löste sich der Bann. „Er wurde von der Mutter der Sonne geküsst“, sagte sie. „Sie lehrt Respekt – nicht durch Strafen, sondern durch Glut.“
Die Lehre der Legende
Bis heute erzählen die Alten in den Dörfern: Wenn der Sommer brennt, wenn kein Vogel singt, und die Steine glühen – bleib im Schatten. Denn irgendwo wandelt sie noch, schwarz verhüllt, mit der Sonne in ihrer Hand.
Sprachliches Nachwort
- Sa Mama ’e su Sole (sardisch) = La Mamma del Sole (italienisch) = Die Mutter der Sonne
- Halentura = Fieber, das durch den Sonnenstich ausgelöst wird
- Diese Figur steht symbolisch für die natürliche Gefahr der Mittagshitze und erinnert auf magische Weise daran, sich den Rhythmen der Natur anzupassen.
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Die Legende der Mamma del Sole erinnert daran, dass Sardinien mehr ist als Sonne, Meer und Sand. Es ist eine Insel, die spricht – durch Mythen, Geschichten und Bilder, die tief in der Erde verwurzelt sind.
Auch ich habe in meinen ersten Jahren auf Sardinien die Kraft der Sonne unterschätzt. Als sich eines meiner Kinder einen starken Sonnenbrand holte, brachte mich eine Nachbarin zur Heilerin des Dorfes – der alten Zia Mariedda.
Sie gab mir Essig & Wasser, ein Öl aus Helicrysum und erzählte mir die Geschichte der Mamma del Sole. Ich habe sie nie vergessen. Seitdem erzähle ich sie nicht nur meinen Kindern, mittlerweile auch den Enkeln, sondern auch all meinen lieben Gästen – mit der Bitte, im sardischen Sommer gut auf die Kleinen zu achten.
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Die Mütter der Elemente
Sa Mama ’e su Sole ist nicht die einzige geheimnisvolle Muttergestalt Sardiniens. Bald erzähle ich euch von weiteren uralten Figuren, die in der sardischen Tradition lebendig geblieben sind:
- Sa Mama ’e su Frittu – Die Mutter der Kälte, die im Winter durch die Dörfer zieht
- Sa Mama ’e su Fogu – Die Mutter des Feuers, Wächterin der Flammen
- Sa Mama ’e su Ventu – Die Mutter des Windes, die durch die Gassen heult
- Und weitere Geschichten von Feen, Wassergeistern, Bergwesen und verborgenen Hütern
Diese Gestalten erzählen von einer Zeit, in der Naturkräfte Gesichter trugen.
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Fußnote zur Sprache und Herkunft
Der Ausdruck „Sa Mama ’e su…“ stammt aus dem Campidanesischen, einem Dialekt des Sardischen (limba sarda). Übersetzt bedeutet er: „die Mutter von…“ – ein Begriff, der Respekt, Ursprung und Macht ausdrückt. Diese mythologischen Mütter sind tief in der sardischen Volksseele verwurzelt und wurden oft als schützende, aber auch strafende Wesen dargestellt, um das Verhalten – besonders von Kindern – in Einklang mit der Natur zu bringen.
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In diesem Sinne, passt gut auf euch und eure Kinder auf – und bis bald zur nächsten Märchenstunde.
Eure Anja