🌙 Sa Filonzana – die, die den Faden hält

Es gibt auf Sardinien Nächte, in denen die Zeit anders fließt. Wenn der Karneval durch die Gassen zieht, sind es nicht nur Masken und Menschen, die sich bewegen. Es ist, als würde etwas sehr Altes mit durch verwinkelte Straßen und Strässchen mitgehen. In Ottana, die schweren Schritte der Boes, das Ziehen und Zerren der Merdules, das Dunkle, Archaische, all das ist laut, kraftvoll, beinahe wild und es zieht Besucher mit einem Schaudern in seinen Bann. Und dann ist da eine Figur, die gar nicht laut ist. Da ist eine schwarze Maske, eine alte Frau, die gebeugt, langsam und mit einer Spindel in der Hand, fast unauffällig, mit den wilden Horden zieht.

Sa Filonzana. Während um sie herum das wilde Treiben und das Leben tobt, bewegt sie sich, als würde sie zu einer anderen Zeit gehören. Sie schaut niemanden direkt an. Und doch hat man das Gefühl, dass sie alles sieht.

In ihrer Hand hält sie die Spindel, da läuft ein Faden, ganz unscheinbar, dünn, so dünn, als könnte er jeden Augenblick reißen. Und doch symbolisiert er den stärksten Faden, den es gibt. Denn er ist das Leben selbst.

Begegnet sie Dir, sollst Du ihr zu trinken anbieten. So ist es Tradition. Ein Schluck Wein. Eine Geste, ein Moment des Innehaltens.

Nicht, weil sie, die Sa Filonzana, diesen Schluck Wein braucht. Nein – weil Du Zeit brauchst. Zeit, die Du gewinnst, wenn Du erkennst, wer da vor Dir steht.

Denn wenn sie den Faden durchtrennt, dann ist da nichts mehr zu verhandeln. Gekappt, das kleine Fädchen, das eines jeden Leben symbolisiert. Sa Filonzana tut es nicht aus Grausamkeit, sie tut es, weil es ihre Aufgabe ist. Und vielleicht sollten wir uns öfter daran erinnern, dass dieses Fädchen keine Selbstverständlichkeit ist.

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Aber doch… ich denke oft über diesen feinen Faden nach. Denn wenn man länger darüber nachdenkt, ist dieser Faden nicht nur etwas, das endet. Er symbolisiert uns, unser Leben, und ist oft das, was verbindet.

Zwischen zwei Menschen zum Beispiel. Ich sehe ihn so oft in meinen Trauungen. Unsichtbar – ein Faden zwischen zwei Personen – und doch scheint er ganz klar da, in jeder Geste, in jedem Blick. Fein gesponnen, flexibel, und doch kann er, wenn es darauf ankommt, bis zum Zerreißen gespannt sein, ohne es zu tun.

Ein Faden, der sich von einem Leben zum anderen spannt. Der Geschichten von Menschen miteinander verwebt. Der leise sagt: Ihr gehört zusammen. Ihr habt euch etwas zu sagen.

Nicht festgebunden. Nicht gefesselt. Verbunden wie zwei Fädchen, die sich kreuzen, sich verweben, sich gegenseitig halten, ohne dass einer den anderen einengt. Die zusammen etwas ergeben, was keiner allein wäre.

Vielleicht ist genau das die andere Seite von Sa Filonzana. Sie hält nicht nur den Moment des Endes in der Hand. Sie erinnert uns auch daran, dass jeder Faden einmal begonnen hat, sich verwoben hat – und dass unser Leben, unser Sein auf diesem Planeten, jede Verbindung, jede Begegnung, ein Anfang ist. Jeder Faden will gepflegt und mit Bedacht behandelt werden.

Und vielleicht ist Sa Filonzana nicht nur die Erinnerung an ein Ende. Vielleicht ist die andere Seite die Liebe, die Beziehung, der Respekt – zu uns, zu anderen, zu unserer Umwelt.

Sa Filonzana spinnt. Sie spinnt täglich neue Fäden. Betrachtet, bewertet und kappt.

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Parzen, Moiren und die drei Nornen

Schauen wir genau hin, erkennen wir, dass diese alte Frau in vielen Kulturen verwurzelt ist, viele Namen trägt.

Im alten Rom waren es die Parzen. In Griechenland die Moiren. Frauen, die den Faden spinnen, ihn führen und schneiden. Und im Norden, an den Wurzeln des Weltenbaumes, sitzen die Nornen und weben das Schicksal weiter. Urd, Verdandi und Skuld.

Immer wieder taucht dieses Bild auf. Ein Faden. Ein Leben. Eine Verbindung. Und irgendwann, ein Übergang.

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Doch kehren wir zurück nach Ottana. Da geschieht noch mehr.

Die wilden Boes fallen nach ihrem Auftritt. Sie sterben, so scheint es und doch, nach einer Weile, stehen sie wieder auf. Als hätte der Faden nur kurz innegehalten. Er war nicht zerschnitten, er war nicht gerissen er wurde einfach wieder weitergeführt. Und genau darin liegt etwas sehr Tröstliches.

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📍 Ottana – wo Sa Filonzana lebt

Ottana liegt im Herzen Sardiniens, in der Provinz Nuoro, eingebettet in die hügelige Landschaft der Barbagia. Ein kleines Dorf, ruhig, fast unscheinbar – und doch eines der bedeutendsten Zentren des archaischen sardischen Karnevals. Die Geschichte Ottanas reicht weit zurück, Spuren einer Besiedlung finden sich bereits in der Nuraghenbronzezeit, und das Dorf hat seine Wurzeln tief in der Hirten- und Bauernkultur des sardischen Innenlandes. Genau hier, in dieser Stille zwischen den Jahreszeiten, explodiert jedes Jahr der Karneval in seiner dunkelsten, ursprünglichsten Form.

Wann tritt Sa Filonzana auf? Der Karneval von Ottana beginnt traditionell mit den Feuern des Sant’Antonio am 16./17. Januar – dem sogenannten Prima Essia, dem ersten Erscheinen. Sa Filonzana zieht gemeinsam mit den Boes und Merdules durch die Gassen, vor allem in der Karnevalswoche bis zum Martedì Grasso (Faschingsdienstag). Sie ist die einzige weibliche Maske des gesamten sardischen Karnevals – und damit ziemlich einmalig auf der ganzen Insel.

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🃏 Die Tarotkarten, die ich in Sa Filonzana sehe

XIII – Der Tod

Mich erinnert Sa Filonzana an eine Tarotkarte, vor der viele Menschen auf den ersten Blick erschrecken. Die Karte XIII Der Tod.

Im Thoth-Tarot von Crowley (links) ist diese Karte keine Karte der Vernichtung. Sie zeigt mir scheinbar wild tanzendes Skelett mit einer Sense. Der Tod ist nicht alles, aber ohne den Tod ist Alles nichts. Der Tod ist nicht das Ende, sondern Grundlage des Lebens. Auf der Lichtseite der Karte lesen wir: Loslassen, Platz schaffen für Neues. Der Schatten sagt: Verkrampftes Festhalten.

Alles, was geht, düngt den Boden für das, was kommt. Aleister Crowley selbst nannte diese Karte eine der am meisten missverstandenen des gesamten Decks. Sie trägt das Zeichen des Skorpions, das Zeichen der tiefsten Transformation, des Häutens, des Sterbens und Wiedergebärens. Nichts hier ist endgültig im Sinne von leer, es ist endgültig im Sinne von vollständig.

Im Visionary Tarot von Antoine seht Ihr die Karte der Tod rechts. Das Deck ist ein Waite Smith Clone. Ich liebe dieses Deck. Hier begegnet mir der Tod anders, weich, fast einladend. Der Tod erinnert mich an die mexikanische Dia de los Muertos, zu deren Fest die Menschen den Tod als natürlichen Teil des Lebenskreislaufs, als Übergang und Neuanfang feiern. Die Seelen kehren zurück, die Kerzen brennen, die Blumen leuchten: eine Erinnerung daran, dass hinter jedem Abschluss etwas Neues wartet. Schlimm kann der Reiter nicht sein, denn das Pferdchen steht ruhig und mit den Ohren gespitzt und dem Blick nach vorne. Der Tod hält keine Zügel. Für mich fühlt sich die Energie dieser Karte an wie ein langer Ausatem. Wie das Loslassen von etwas, das zu eng geworden ist. Kein Schrecken, sondern Erleichterung. Ein Moment der Stille, bevor etwas Neues beginnt zu atmen.

Schau Du Dir diese Karte an, nehme sie in die Hand und suche die Energie. Ich fühle keine Bedrohung in ihr. Ich fühle: etwas ist überstanden. Alles wird neu. Ein leiser, klarer Moment. Stille. Einkehr. Der Raum zwischen zwei Atemzügen.

Ein Faden ist zu Ende gesponnen – und genau dadurch entsteht Platz. Für einen neuen Faden. Vielleicht für einen, der sich mit einem anderen verbindet.

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aber auch in der

II Die Hohepriesterin

sehe ich in Sa Filonzana. Je nach Deck sitzt sie (rechts Visionary Tarot) oder steht aufrecht vor Dir (links Thoth Tarot). Ein mal im Licht und vor der Unendlichkeit, das andere Mal im Dunkel zwischen den Säulen Boaz (B) und Jachin (J) – aus dem Tempel Salomons in Jerusalem.

In der Kabbala flankieren sie den Mittelweg am Lebensbaum – die Säule der Strenge (Boaz, schwarz) und die Säule der Gnade (Jachin, weiß). Die Hohepriesterin sitzt genau zwischen den Polen, auf dem Pfad Gimel, der Verbindung zwischen Kether (Krone) und Tifereth (Schönheit).

Yin & Yang

Auch ist da eine Verwandtschaft mit Yin und Yang – Boaz (schwarz) = Yin – empfangend, dunkel, still, weiblich. Jachin (weiß) = Yang – aktiv, hell, manifestiert. Aber wie im Yin-Yang-Symbol trägt jede Seite den Kern der anderen in sich – kein absolutes Entweder-oder, sondern ewiges Fließen zwischen den Polen.

Keine der Hohepriesterinnen schaut Dich an, sie schauen durch Dich hindurch auf Dinge, die wir nicht erkennen. Auch die Sa Filonzana schaut niemanden direkt an. Sie zieht nicht die Aufmerksamkeit auf sich. Und doch weiß jeder, der ihr begegnet: Diese Frau sieht alles. Sie weiß, was Du nicht aussprichst. Sie kennt Deinen Faden, bevor Du selbst weißt, wie er gesponnen ist.

Beide Frauen stehen an einer Schwelle. Beide wissen mehr, als sie sagen. Und beiden begegnet man besser mit Respekt als mit Eile.

Die Hohepriesterin ist dieser Schwellenpunkt – sie verkörpert das Gleichgewicht, nicht die Wahl. 🌓

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XVIII – Der Mond

Die dritte Karte, die ich in der Sa Filonzana spüre, ist der Mond.

Der Mond – Thoth vs. Waite-Smith

Im Visionary Tarot zeigt die Karte eine vertraute, fast märchenhafte Szene (links): ein Hund und ein Wolf heulen den Mond an, ein Krebs steigt aus dem Wasser, zwei Türme rahmen den Weg – das Unbewusste als bedrohliches, labyrinthisches Terrain, das man durchwandern muss.

Im Thoth Tarot (rechts) hingegen fragt die Karte, Was träumen wir? uns! Die Bildsprache ist archaischer und düsterer: Anubis steigt aus den Wassern, Skarabäen, ein Krebs – und die Energie ist weniger narrativ als vibrierend, weniger ein Weg durch die Angst als das pure Erleben der Tiefe selbst, das illusionäre Mondlicht als Täuschung der Sinne, die keine Erlösung verspricht, sondern Hingabe verlangt. Der Mond begleitet uns in die Nachtseite unserer Seele, wie Akron in seinem Crowley Tarot Führer treffend schreibt 🌑

Der Mond ist die Karte des Unbewussten, des Archaischen, der Dinge, die im Dunkeln weben – lange bevor wir sie verstehen. Er ist die Karte der alten Instinkte, der Traumbilder, der Ahnen. Und er ist die Karte der Illusion – nicht im Sinne von Lüge, sondern im Sinne von: nicht alles, was Du siehst, ist das, was ist.

Sa Filonzana erscheint im Übergang vom Winter in das Frühjahr. Die Tage sind noch kurz und die Nächte lang. Wenn das Mondlicht auf die Masken fällt und die Gassen von Ottana sich in etwas verwandeln, das nicht mehr ganz von dieser Zeit ist. Sie gehört in diese Stunden. In die Stunden, in denen das Unbewusste Platz bekommt, durch Rituale, durch Masken und durch das alte Spiel von Tod und Auferstehung.

Der Mond fragt Dich nicht nach Deiner Meinung. Er leuchtet einfach. Mal voll, mal gar nicht. Und in seinem Licht siehst Du die Welt anders als am Tag.

So wie Sa Filonzana. Im Tageslicht würde sie vielleicht nur wie eine alte Frau mit einer Spindel aussehen. Aber in der Nacht, im Karnevalstreiben, im Feuerschein – da ist sie das, was sie wirklich ist. Die Hüterin.

Vielleicht ist Sa Filonzana deshalb keine Figur, vor der man sich fürchten muss. Vielleicht ist sie die Hüterin der Übergänge. Die weise Frau, die weiß, wann etwas gehen darf. Und die gleichzeitig daran erinnert, wie kostbar jeder einzelne Faden ist, den sie gesponnen hat.

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Und vielleicht ist die schönste Frage, die sie uns stellt, ganz leise: Wie gehst Du mit Deinem Faden um? 🌙

Hast Du die Sa Filonzana auf Sardinien schon gesehen, wie hast Du sie empfunden? Ich freue mich auf Deine Geschichten! ✨

Bleibt behütet und achtsam. 🕯️🌿
Bis bald –

Eure Anja ✨

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🃏 Verwendete Tarotkarten
Die in diesem Artikel betrachteten Karten stammen aus folgenden Decks:

Thoth Tarot Konzipiert von Aleister Crowley, illustriert von der sagenhaften Frieda Lady Harris. © Ordo Templi Orientis (O.T.O.) Publiziert von U.S. Games Systems, Inc.
Zu finden in jedem guten Buch- oder Esoterikladen – und auch dort, wo man sonst Alles online bestellt. ☕📦

Visionary Tarot – by Antoine Ein modernes Deck, das in zeitlosen Weisheit des Tarot von Waite Smith eine neue, fotografische Bildsprache schenkt. Entstanden aus tiefer Liebe zum Tarot und dem Wunsch, die Archetypen der Karten zum Leben zu erwecken. I ❤️ it . Thx Antoine 🌐 visionarytarot.company.site

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